Wettbewerb
    Erik Kessels, My Feet, Installation, © Erik Kessels

    f/stop Solo
    Erik Kessels, My Feet, 2014

    Installation

    Was würden Sie schätzen, wie viele Bilder täglich bei Facebook hochgeladen werden? 10.000? 100.000? Tatsächlich sind es 350.000.000. Eine schier unglaubliche Menge! Der niederländische Künstler Erik Kessels hat sich mit der alltäglichen Bilderflut im Netz auseinandergesetzt und dabei auf ein ganz spezielles Motiv konzentriert: auf Füße. An die 1.000 Photos mit Hashtags wie #myfeet, hat er auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Flickr oder Tumblr gesammelt. Füße am Strand, hübsche Füße, verschwitzte Füße, Füße mit blauen Flecken. Eine Auswahl präsentiert er unter dem Titel My Feet in einer raumfassenden Installation. In realer Größe bedecken die Fußaufnahmen Boden und Wände der Spinnerei archiv massiv. Dem Betrachter ist es so nahezu unmöglich, sich zu orientieren, eine Distanz zu den Bildern zu gewinnen oder sich auf eine einzelne Aufnahme zu konzentrieren. Zugleich ist es eine geradezu physische Erfahrung, sich dem Anblick der Füße nicht entziehen zu können.
    Mit My Feet führt uns Erik Kessels die Banalität und Absurdität der virtuellen Bilderflut drastisch vor Augen: Was treibt Menschen dazu, ihre Füße zu fotografieren, hochzuladen und mit uns zu teilen? Ist es Langeweile oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit? Meist ist das dargestellte Motiv zweitrangig, im Vordergrund steht der Wunsch nach Kommunikation und Aufmerksamkeit. Dies ermöglichen die sozialen Plattformen durch Kommentarfunktionen, Tagging oder Teilen der Bilder. Ein skurriles Phänomen, möchte man meinen. Doch die meisten von uns haben sich schon einmal in der einen oder anderen Weise auf sozialen Plattformen mitgeteilt – die Füße sind nur ein Beispiel für unseren Wunsch, uns eine individuelle Identität in der virtuellen Welt zu verleihen. So glaubt der Künstler, dass dieses Phänomen in der Ausstellung seine konsequente Fortsetzung erleben wird: "The installation should encourage people to interact with by walking in the space with their own (bare) feet and photographing them again." Haben Sie schon Ihr Photo hochgeladen? (Johanna Laub / Fay Lazariotis)


    Roe Ethridge, Sacrifice Your Body, © Roe Ethridge. Courtesy Andrew Kreps Gallery, New York und Capitain Petzel, Berlin

    f/stop Insert: HGB 250
    Roe Ethridge, Durango in the Canal, 2011

    C-Print, 131,8×195,3 cm

    Roe Ethridge, Hillary with Footballs, 2013

    C-Print, 140×106 cm

    Wäre es auch das erste, was Sie tun würden, die Kamera zu zücken, wenn gerade Ihr Mietauto in einem Kanal zu versinken droht, anstatt das untergehende Vehikel zu retten? Für den amerikanischen Künstler Roe Ethridge war dies keine Frage, als er 2011 sein Photo Durango in the Canal schoss. Auf der Spurensuche nach der eigenen Vergangenheit widerfuhr ihm der glückliche Unfall auf der Fahrt nach Belle Glade, der Ort, an dem Ethridge seine Kindheit verbracht hat. Er dokumentierte die Reise und stellte daraus eine autobiografische Sammlung mit seinen rekonstruierten Erinnerungen zusammen. Ethridges Werk zeichnet sich durch den spielerischen Spagat zwischen den Bildwelten der Werbe- und der Modefotografie aus. Das Prinzip der unterschiedlichen Bildanordnung und das bewußte Herauslösen aus dem Kontext sind zentrale Stilmittel seines künstlerischen Schaffens. Mit dokumentarischem Blick untersucht er zum einen die Banalitäten des Alltags, zum anderen verfügt er über die Fähigkeit, Werbeästhetik mit komplexen Inhalten zu kombinieren und ihr somit eine neue Tiefe zukommen zu lassen.
    Dabei wechselt Ethridge mühelos zwischen den Gattungen der Fotografie. Die Sterilität und Oberflächlichkeit der Werbefotografie evozieren beim Betrachter wie in Hillary with Footballs (2013) ein Unbehagen gegenüber dem Perfekten. In dieser Arbeit löste er ein Model in schicker Sportkleidung aus einer Werbestrecke, um sie vor einen grafischen Hintergrund zu blenden. Im American Football spiegeln sich ein Schlüsselthema Ethridges und die Sehnsucht vieler amerikanischer Familien wider. Zu Collegezeiten spielte auch der Künstler in einem Football-Team und erinnert sich daran, wie ihn seine Mutter mit „Sacrifice your body!“ vom Spielfeldrand anfeuerte. In diesen martialischen Worten spiegelt sich der treibende Wunsch der US-Gesellschaft nach sozialem Erfolg und persönlicher Verwirklichung wider.
    Nachdem die Ausstellung Sacrifice your Body Anfang des Jahres in New York und Berlin zu sehen war, findet anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Hochschule für Grafik und Buchkunst unter dem Ausstellungtitel f/stop insert HBG 250 eine Einzelausstellung statt. (Annika Schallenberg / Theresa Albrecht)


    Phil Collins, free fotolab (berlin), 2010, © Phil Collins

    Get lucky!
    Phil Collins, free fotolab (berlin), 2010

    8-teilige Installation, 240×480×5 cm, Lightjet-Drucke in 6 verschiedenen Größen und gerahmt

    „Entwickeln Sie Ihre Fotos gratis! Jetzt oder Nie!“ Mit diesem verlockenden Werbeslogan fordert der britische Medienkünstler Phil Collins Passanten in verschiedenen Städten Europas auf, ihre analogen 35mm Fotofilme kostenlos entwickeln zu lassen. Einzige Bedingung ist das Abtreten sämtlicher Bildrechte an den Künstler. Die ursprünglichen Urheber haben kein Mitspracherecht mehr an der weiteren Vervielfältigung und Verwendung ihrer Bilder. Im Zuge dieses Projekts, dem sogenannten free fotolab, entsteht seit 2004 ein umfangreiches Bildarchiv, das sein Copyrightinhaber in verschiedenen Ausstellungsformaten wie Diashow, Buchedition oder wandfüllende Installation präsentiert. Die auf dem f/stop-Festival gezeigte Installation ist in acht Bildfelder symmetrisch angeordnet. In sechs unterschiedlich großen Formaten lässt Phil Collins einen Rhythmus zwischen allen Bildern entstehen. Erst wenn man eine einzelne Aufnahme näher betrachtet, wird einem bewusst, dass hier keine professionellen Fotografien ausgestellt sind, sondern amateurhafte Alltagsaufnahmen aus der analogen Filmwelt, die untereinander keinerlei Bezug haben. Sei es die missglückte Aufnahme am Mittagstisch, ein belangloses Bild vom Ponyreiten auf der Kirmes oder der verwackelte Schnappschuss vom letzten Familienurlaub – alle trivialen Ereignisse unseres Lebens finden im free fotolab ihren Platz. So schafft Phil Collins beim Betrachter einen unerwarteten Wiedererkennungswert: Solche Fotografien hat jeder schon einmal gemacht! Das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Medium Kamera steht im Mittelpunkt von Collins’ Arbeiten. In verschiedenen Medien wie Film, Fotografie oder Interviews kommt diese ungewöhnliche Kommunikationsfreude zum Ausdruck, weshalb auch Sie sich fragen sollten: Würden Sie Phil Collins Ihre Fotografien überlassen? (Bianka Hoffmann / Melanie Köcher)


    Hans Eijkelboom, aus der Serie Identities, 1976, © Hans Eijkelboom

    Get lucky!
    Hans Eijkelboom, Identity, 1976

    PE-Print, 60 x 50 cm

    „I’ve been in love with him for years“. Was wie der Anfang einer Love Story mit Happy End klingt, ist eine Episode aus der Arbeit Identity von Hans Eijkelboom, in der es um die Vergangenheit und vermeintliche Gegenwart des niederländischen Konzeptkünstlers geht. 1976 beauftragte Eijkelboom einen Assistenten, ehemalige Klassenkameraden und Bekannte, die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu kontaktieren und zu befragen, wie sie sich nach vielen Jahren ihren Mitschüler Hans vorstellten und was wohl aus ihm geworden sei. Auf Grundlage der eingegangenen Beschreibungen verkleidete sich der Künstler und fotografierte sich in zehn verschiedenen Identitäten, die ihm seine Kameraden von einst auferlegt hatten. Wir sehen Eijkelboom als Elektroniker, als Sozialarbeiter, als Piloten und als feschen Förster im Wald. Diese Persönlichkeitsstudie aus Text und Bild verwandelt die Fremdwahrnehmungen seiner Mitmenschen in Eigenbilder. Es ist gleichsam eine soziologische und anthropologische Arbeit über das Selbst und über den Anderen, die auf dem f/stop-Festival als historische, jedoch gleichsam zeitlose Position vorgestellt wird. Die realistische Szenerie läßt den Betrachter glauben, er stehe tatsächlich vor einer Dokumentation. Wir sollen einen Mann mitten im Berufsleben sehen, der uns das Gefühl einer erfolgreichen Karriere, die zum Glückführt, vermittelt. Doch die perfekten Kostüme und Kulissen geben uns einen Hinweis darauf, dass es sich in Wirklichkeit um eine raffinierte Inszenierung handelt.
    Seit mehr als vier Jahrzehnten bewegt sich Eijkelboom mit seiner fotografischen Konzeptkunst durch dieNiederlande und die Welt und schafft dabei auf faszinierende Art und Weise einen Spagat zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Einer der Befragten schätzte den Künstler übrigens richtig ein und traute ihm die Karriere eines Fotografen zu: „He was, as it was called in those days, definitely „artistic“. Allright, if I really have to name an occupation, I would say photographer“. Oder hat es diese Prophezeiung nie gegeben, weil es auch nie eine Befragung gegeben hat? (Anastasia Musinova / Sara Lehmann)


    Julian Röder, aus der Serie Available for Sale, © Julian Röder / Ostkreuz

     

    Get lucky!
    Julian Röder, Available for Sale, 2007

    Technik und Maße variabel

    „Ich bin doch nicht blöd!“ Das glaubten 5.000 kaufwütige Menschen und stürmten los. Völlig außer Kontrolle, gingen sie auf Schnäppchenjagd. Es wurde gerempelt, gehortet und geklaut. Der Kaufrausch ließ sie jede Rücksicht vergessen. Sicherheitspersonal und Polizei waren überfordert, Glas ging zu Bruch, Rolltreppen kaputt, Menschen wurden verletzt. Aus dem Rausch wurde Panik, aus der Eröffnung des damals größten Media Marktes der Welt im „Alexa“ am Berliner Alexanderplatz 2007 ein mediales Desaster. Und mittendrin befand sich Julian Röder. Seine Aufnahmen veranschaulichen uns die Formen und Abgründe unseres unbändigen Konsumverlangens.
    Mit dieser Thematik setzte sich bereits 1967 Guy Debord, Gründungsmitglied der Situationistischen Internationale, in seiner programmatischen Schrift Die Gesellschaft des Spektakels auseinander: „Das Spektakel ist der Moment, in dem die Ware zur vollständigen Vereinnahmung des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist“. Röder setzt sich intensiv mit den Ideen des französischen Kapitalismuskritikers auseinander und greift sie immer wieder in seinen Arbeiten auf. In seiner neunteiligen Arbeit Available for Sale kritisiert er übermäßigen Konsum auf subtile Weise, indem er uns mit auf den ersten Blick konzeptlos wirkenden Bildern vor Augen führt, wie sehr wir diesem selbst verfallen sind. Seine Bilder konfrontieren das flüchtige Ereignis mit präzise komponierter Fotografie, zwanghaftes Verhalten mit spontaner Emotion und Chaos mit Ästhetik. Bekanntheit erlangte Julian Röder durch seine Fotoreihen von politisch motivierten Protestbewegungen wie den Demonstrationen gegen die G8-Gipfel. Die Arbeit Available for Sale hebt sich thematisch von diesen Werken ab und veranschaulicht Röders kritische Konsumauffassung. „Ich bin doch nicht blöd!“ (Anna Scheffel / Johanna Weißler)


    Stephanie Kiwitt, o. T. (Choco Choco), 2014, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

    Get lucky!
    Stephanie Kiwitt, o. T. (Choco Choco), 2014, in progress

    Inkjet-Print und Laser-Print 23,8 x 18,9 cm

    Schokolade ist für viele von uns die pure Versuchung, der wir nur allzu gern erliegen. Zartschmelzend zergeht sie auf der Zunge, ihr Geschmack breitet sich rasch im ganzen Mund aus und schon meinen wir, uns ein wenig glücklicher zu fühlen. Das süße Produkt verspricht seinem Konsumenten Zufriedenheit, zumindest kurzzeitig. Woher diese Erwartung kommt, ist nicht leicht zu sagen. Zwar sind die Herkunft der Schokolade und ihre Geschichte vom Luxusgut zum Massenprodukt den meisten Menschen bekannt, doch die wenigsten wissen genau um den Entstehungsprozess der Tafeln, Pralinen und Riegel. Für ihre Arbeit o.T. (Schokolade) machte Stephanie Kiwitt sich auf den Weg, den Herstellungsprozess der Glück verheißenden Süßigkeit in Bildern einzufangen. Sie fotografierte in einer belgischen Schokoladenfabrik den Produktionsvorgang – jedoch nicht vollständig, nicht dokumentarisch, sondern als Fragment. So entstanden Aufnahmen, sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß, die Schokolade von einer ganz anderen Seite zeigen. Manchmal kann sich der Betrachter nicht einmal sicher sein, ob es sich tatsächlich um Schokolade handelt. Denn Kiwitt zeigt sie nicht nur flüssig und herrlich zart hellbraun aus einem Behälter nach unten tropfend, sondern auch mal angetrocknet und wenig appetitanregend an einer eisernen Maschine klebend oder auch in Grauabstufungen und kaum als Schokolade erkennbar. Auch einen Fabrikarbeiter rückt Kiwitt in den Mittelpunkt ihrer Aufnahmen, in denen sie genau auf Bildkomposition und Zusammenstellung der Bildpaare achtet. Der Künstlerin gelingt es so, nicht nur das Konsumgut Schokolade auf ungewöhnliche Weise zu inszenieren, sondern auch den Betrachter mit ungewohnten Seherfahrungen zu konfrontieren. 

    Lassen Sie sich verführen und überraschen. Das, was sie sehen, wird mit Sicherheit nicht dem entsprechen, was sie erwartet haben. (Sophie Roßberg / Susanne Reinhardt)


    Jana Schulz, Standbild aus Video Blaue Perle, © Jana Schulz

    Get lucky!
    Jana Schulz, Blaue Perle, 2012–2014

    HD Video, Länge: 11:28 min.

    Die Blaue Perle – der Begriff steht für einen seltenen Schatz, verborgen in einer Muschel, glänzend und kostbar. Im Film von Jana Schulz ist es jedoch eine heruntergekomme Eckkneipe, rund um die Uhr geöffnet, außer in der einen Stunde, in der durchgewischt wird, sowie Getränke und Klopapier aufgefüllt werden. Bei Tageslicht nicht besonders einladend, aber wenn es Nacht wird, verwandelt sich der Ort: Das Licht geht aus, die Musik wird laut und auf dem Dancefloor wird es eng. Hoffnungen, Wünsche, Rausch, Ekstase. Alle tanzen mit!
    Jana Schulz war an vielen Abenden in der Blauen Perle und wurde langsam selbst Teil des Publikums. Ohne jene Distanz, die eine Kamera in der Regel schafft, konnte sie so sehr intime Momente einfangen: Menschen, völlig abgetaucht in der Musik, wie in Trance tanzend oder einfach nur still beobachtend. Wie Momentaufnahmen aus einem Fotoalbum reihen sich diese in Slow-Motion gedrehten Szenen aneinander, ohne dabei eine stringente Handlung zu erzählen. Die Künstlerin stellt durch Close-ups, lange Szenen und Blickkontakte eine große Nähe zu ihren Protagonisten her und zieht so auch den Betrachter mit auf die Bühne ins schummrige Discolicht. Das Video ist mit einem Sound unterlegt, den Jana Schulz zusammen mit Fabian Saul produziert hat. Sie verwendeteten hierfür die mechanischen und gleichmäßigen Töne der Spielautomaten in der Blauen Perle. Die Melodie des Songs People are People von Depeche Mode diente ihnen als Vorlage. „Different people have different needs“, sang die Electronic Band im Jahre 1984 und Jana Schulz fragt auf ihre Weise: Wer braucht denn eigentlich wen oder was, um glücklich zu sein? Und was genau ist überhaupt Glück? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese ewige Frage entstand ihre sensible Millieustudie.
    Der Dualismus von Rausch und Abgrund, von Glück und Unglück, arm und reich macht die besondere Spannung des Videos aus, denn „im Rausch, in der Ekstase, wenn Wollen und Denken verlöschen, ist eine Ahnung von Abgrund nicht fern“, so seine Künstlerin. (Nancy Dösinger / Judith Kohn)


    Anna Witt, Standbild aus Video Sixty Minutes Smiling, © Anna Witt

    Get lucky!
    Anna Witt, Sixty Minutes Smiling, 2014

    2-Kanal HD Video, 60 min.

    Gefühle und Kommerz. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht recht zusammenpassen wollen. Bei längerem Hinschauen werden die Verbindungen jedoch deutlich: Ein wachsender Teil der Arbeitswelt beschäftigt sich nicht mehr mit der Herstellung von Produkten oder mit der Durchführung von Dienstleistungen, sondern mit deren emotionaler Aufladung. Auch in geschäftlichen Beziehungen wird „Gefühlsmanagement“ groß geschrieben. Das Paradoxe dieser Kommerzialisierung von Gefühlen zeigt Anna Witt in ihrer konzeptionellen Videoinstallation Sixty Minutes Smiling. Zu sehen sind zehn Personen, durch Business-Kleidung und frontales Auftreten als Führungsriege eines Unternehmens erkennbar. Es wirkt, als posierten sie für ein endloses Gruppenbild. Über die Videodauer von einer Stunde versuchen sie, ihr Lächeln beizubehalten. Eine zweite Videoprojektion zeigt in Nahaufnahme, wie die Maske der inszenierten Gefühle jedoch den Schauspielern zunehmend Schwierigkeiten bereitet. In den langsam zu Grimassen entgleitenden Gesichtern wird die geforderte strikte Gefühlskontrolle ad absurdum geführt. Die Videoinstallation greift sowohl Titel als auch formalen Aufbau von Gillian Wearings Sixty Minute Silence (1996) auf.  Witt legt den Fokus ihrer Arbeit jedoch auf die Anstrengung des Einzelnen und nicht auf die Relationen zwischen den Darstellern.
    Eine subtile Gesellschaftskritik kennzeichnet die meisten Arbeiten von Anna Witt. In ihren Videoinstallationen und performativen Interventionen greift sie oft kulturelle Codes und Absurditäten unserer Zeit auf. Mit humorvollem Stil hält sie der Gesellschaft einen Spiegel vor. So bezieht sie sich in Gleitzeit (2011) auf neue Arbeitszeitmodelle und auf die Entwicklung des Selbstmanagements in der Arbeitswelt. Für ein symbolisches Honorar ballen Passanten ihre Hand zur Arbeiterfaust – im Gegensatz zu Sixty Minutes Smiling liegt die Herausforderung darin, die Zeitspanne selbst zu definieren. Der Kommerzialisierung der Geste haben die Beteiligten zwangsläufig zugestimmt. (Christoffer Horlitz)


    Get lucky!
    Beni Bischof, Sausage Power!, 2011

    Lambda-Print

    Champagner! Die glamouröse Scheinwelt der Hochglanzmagazine? Finger durch! Wurst drauf! „Wurst drauf!“ heißt im Fall der Arbeit Sausage Power! des Schweizer Künstlers Beni Bischofs tatsächlich, ein mit asiatischen Attributen ausgestattetes und als Geisha gestyltes Model mit deutscher Bockwurst zu überdecken. Perfekt ist das Modell geschminkt und in Szene gesetzt. Eine exotische Schönheit, ein Objekt der Begierde, ein Fetisch, das durch geometrisch angeordnete Wurststücke, die auch als Phallus gelesen werden können, fast bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet ist.
    Wurst gehört neben Gipsklumpen und Fingern zu Bischofs bevorzugten Arbeitsmaterialien. Mit ihnen bearbeitet er Bilder, die ihn verstören, ja Aggressionen in ihm auslösen, und macht sie sich auf diese Weise zu eigen. „Bearbeiten“ ist hierbei wörtlich zu nehmen: Photoshop oder andere digitale Bearbeitungstechniken werden eher selten eingesetzt, die Veränderung erfolgt vielmehr archaisch, indem er etwa einem Model auf dem Cover eines Modemagazins den Finger durch die Nase steckt oder es mit rohen Fleischstücken und Wurst dekoriert. Diese Arbeitsweise als trashig und pubertär abzutun wäre zu einfach. Trotz seiner augenscheinlichen Naivität arbeitet Bischof konzeptionell an seinen Werkreihen und bezieht sich, neben den popkulturellen Phänomenen des Internets, auf die Kunstgeschichte. Dieser Bezug wird deutlich, wenn man Werke des Dadaismus, etwa die provokativen Collagen John Heartfields, oder auch die Arbeiten der Neuen Wilden daneben hält. Wie seine Vorbilder bedient sich Bischof verschiedenster Materialien und Techniken und schöpft so die Möglichkeiten seiner künstlerischen Freiheit aus. Sein bissiger Humor, der die Ästhetik der Modefotografie ad absurdum führt, stößt den Betrachter auf den schmalen Grad zwischen Sein und Schein, zwischen persönlichen Glückserfahrungen und leeren Versprechungen vom ewigen Glück, weshalb Sausage Power! auch als Plakatmotiv des 6. f/stop-Festivals ausgewählt wurde.  (Oxana Okunew / Sophia Pietryga)


    Daniel Josefsohn, Die neue S-Klasse, © Daniel Josefsohn

    f/stop Print
    Daniel Josefsohn, Die neue S-Klasse, 1998

    C-Print, 70 x 50 cm

    Unnahbar glänzt der übergroße Mercedes-Stern vor dem blauen Himmel. Doch dieses Bild wird gestört von einer Jugendlichen mit dreckigen Sneakers und Turnschuhen, die im Begriff ist, den Stern zu erklimmen. „Nichts leichter als das“, scheint sie uns signalisieren zu wollen. Daniel Josefsohn lässt in dem Foto Die neue S-Klasse, das er 1998 zu Beginn seiner Karriere geschossen hat, zwei gegensätzliche Positionen aufeinander prallen: der Mercedes-Stern als das Statussymbol seiner Elterngeneration versus die Jugend der 1990er Jahre, die sich alles einverleiben wollte.

    Josefsohn selbst bewegt sich mühelos zwischen beiden Welten. Nach einem Skater-Unfall entschied er sich als Autodidakt für die Berufsfotografie. Er lieferte Werbe- und Modestrecken für die TAZ und das ZEIT-Magazin sowie für MTV und Hugo Boss. Diese Werbeästhetik ist auch kennzeichnend für seine eigenen Projekte, in denen er kulturelle Codes unbekümmert miteinander mixt. Beispielsweise fotografiert er in der Serie Dear Helmut and Dear George seine Protagonisten mit Star Wars-Helmen vor der Klagemauer in Jerusalem oder stellt Helmut Newtons ikonisches Self-Portrait with Wife and Models nach.

    Für Josefsohn bilden autobiographische Bezüge wie seine jüdische Herkunft oft den Ausgangspunkt seiner Arbeiten. Die neue S-Klasse thematisiert nach eigener Aussage den persönlichen Konflikt mit seinem Vater: „Dieses Foto bin eigentlich ja ich selbst – im übertragenen Sinne. Da war ich einmal gut. Gut für ihn, meinen Vater.“ Gleichzeitig verkörpert es Josefsohns Umgang mit der Vielschichtigkeit unserer Welt. (Luise Thieme / Philipp Köhler)

    Sebastian Stumpf, Standbild aus Wasserbecken, © Sebastian Stumpf

    Get lucky!
    Sebastian Stumpf, Wasserbecken, 2012–2014

    HD-Videoprojektion mit Ton, 11 Minuten, Loop, Dimensionen variabel

    Eine bekleidete Figur treibt rücklings vor der glänzenden Fassade eines Bürogebäudes in einem Wasserbecken. Was passiert hier? In seiner aktuellen Videoinstallation Wasserbecken legt sich Sebastian Stumpf in Wasserbassins vor den Kulissen gesichtsloser, austauschbarer Bürogebäude. Der gespannte Körper wird sanft von der Strömung bewegt, während seine Kleidung nach und nach einweicht. Die Aktion wirkt absurd, gibt es doch einen stillen Konsens, dass solche Becken nicht genutzt werden. Das passive Treiben auf dem Wasser strahlt zwar Ruhe aus, findet aber an einem merkwürdigen Ort statt. Hier geht es nicht um Abkühlung oder Entspannung, hier geht es um’s Geschäft. Das suggerieren die kühlen Hochglanzfassaden der Bürokomplexe, während die Wasserbecken dazu dienen, die Gebäude zu spiegeln und gleichsam absolutistischer Manier den Machtanspruch des Unternehmens zu verbildlichen. Zudem bringen die Bassins ein natürliches Element in den mit anorganischen Materialien wie Beton, Asphalt, Glas und Metall versiegelten urbanen Raum zurück. Die Wirkung des Natürlichen ist jedoch im Ambiente der Geschäftigkeit zum Scheitern verurteilt. Selbst dann, wenn Feng Shui-Zutaten wie Holzsteg, Wasserkaskade oder Schilf das Wasserbecken schmücken. Sebsatian Stumpf führt diese Absurdität vor, indem er die Becken temporär zweckentfremdet.

    Stumpfs Werk zeichnet sich durch performative Interventionen im urbanen Raum aus. Seine akrobatischen Aktionen erinnern an das Geschick der Traceure des zeitgenössischen Parkour. Ähnlich den Situationisten und ihrer Idee des dérive folgend, befragt er die psychologische Wirkkraft städtischer Räume, wobei absurde Orte wie ein Wasserbecken den Ausgangspunkt seiner Passagen bilden. (Greta Descher / Laura Rosengarten)


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    f/stop 2016

    The next festival takes place from June 25th to July 3rd 2016.

     

     

    f/stop goes Nürnberg

    Die Ausstellungen „Get lucky!“ und „Personal Issues – Magazinfotografie als Statement“ werden vom 20.9. bis 5.10.2014 im Rahmen von „Offen auf AEG“ in Nürnberg zu sehen sein. Geöffnet ist immer Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr. Wer f/stop in Leipzig verpasst hat, kann einen Besuch hier nachholen. Außerdem präsentiert Jürgen Teller die Ausstellung „WE’VE GOT THE LOOK“ in der Akademie Galerie. Ein Grund mehr nach Nürnberg zu kommen! Eröffnet wird am 20.9.2014 12 Uhr!

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